Werte sind keine Köder oder warum Personal und Marketing nicht zusammenpassen

Nach 15 Jahren als Personalleiterin in einer Boutique Kanzlei ist mir die aktuelle Situation in einem absoluten Bewerbermarkt bestens vertraut. Die Suche nach Patentanwälten und ihren dazugehörigen Fachangestellten hat die Personalbeschaffung schon mangels Masse immer erschwert und das Delta zwischen offenen Stellen und verfügbaren Kandidaten war dort traditionell größer als anderswo.

Den heute verzweifelt im Trüben und leergeangelten Bewerberteich fischenden Recruitern möchte ich einfach nur zurufen: willkommen in meiner Welt!

Zwei Dinge habe ich nicht nur in dieser Nische, sondern schon lange davor als Personalberaterin im Executive Search verinnerlicht:

  1. auf den Bewerber zubewegen ist das Mittel der Wahl, ihn dort abholen wo er ist: (vorerst) außerhalb des Unternehmens
  2. Marketingfachleute verstehen unter Personalmarketing etwas anderes als HR, was dabei herauskommt ist dann oft mehr Behinderung denn Hilfe für Recruiter.

Ersteres heißt heute Active Sourcing, in meiner Zeit als Personalberaterin sagte man Headhunting.

Dass zweitens Personal und Marketing nicht zusammenpassen, habe ich in der Zusammenarbeit mit Marketingabteilungen und Agenturen schmerzlich erfahren. Mit viel Bohei und noch mehr Geld wurde hochglänzendes Material unter Vergabe strengster Corporate Design Regeln entwickelt. HR blieb dabei zunächst außen vor! Auf Nachfrage hieß es da:

Ach der Karrierebereich auf der Webseite soll auch überarbeitet werden? – haben wir erstmal hintenangestellt.

Wie, Sie benötigen die Gestaltung eines Messestands extra für Bewerbermessen? Da haben wir leider keinen Spezialisten, bzw. das kostet extra.

Wer hat dann den Kreativen mit Input auf die Sprünge geholfen, sich den Mund fusselig geredet um anschließend doch nicht das zu bekommen, was spürbar mehr Bewerber generierte?

HR! Mußte (dann schon meist) unter Zeitdruck und allerlei Corporate Design Regelverstößen wie Hobbyangler selbst Köder basteln, damit Bewerber anbeißen… Dabei manchmal zu spät bemerkt: nicht jeder Köder schmeckt jedem Fisch!

Marketing spricht in seiner Funktion als Vertriebsunterstützung eindeutig den Kunden an. Dass Bewerber aber nicht 1:1 mit Kunden gleichgesetzt werden können, hat sich nicht erst in den letzten Jahren geändert.

HR will und braucht als Köder:

  • Abbildungen von realen Arbeitssituationen und zukünftigen Kollegen
  • Stellenanzeigen müssen beim Bewerber Emotionen ansprechen
  • Die Anzeige muss sich abheben, beim Bewerber Interesse wecken, auch ein Teil dieses Unternehmens werden zu wollen…

Marketing liefert stattdessen:

  • Corporate Design
  • Agenturbilder mit Models, Allerweltssituationen darstellend
  • blutleere und emotionslose Fotos, austauschbar weltweit
  • Das Schlimmste jedoch: das Hervorheben von Unternehmenswerten

Wie triumphierte unlängst ein Beraterkollege aus dem D.A.CH Team von Lean Recruiting, als sein Kunde ihn endlich verstanden hatte und salztrocken feststellte: Werte sind kein Köder!

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